zurück

Österreichische Studie zur Prävention der Glücksspielsucht

Mai 2009-Juli 2011 (laufend)

Beschreibung/ Description

In Österreich lagen bisher kaum empirische Erkenntnisse über die Glücksspielteilnahme und -probleme der Bevölkerung sowie spezieller Spielergruppen vor. Deshalb wurde in den Jahren 2009 bis 2011 eine mehrmodulare Studie durchgeführt, in der die Allgemeinbevölkerung, ExpertInnen, SpielerInnen sowie das Personal von Glücksspielanbietern befragt worden sind. Auf der Grundlage dieser empirischen Ergebnisse können Empfehlungen für verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen für das Glücksspielwesen in Österreich formuliert werden.

Zuwendungsgeber und Initiator der Studie ist die Österreichische ARGE Suchtvorbeugung, bei ihr lag auch die Projektleitung. Gefördert wurde die Untersuchung von den Österreichischen Lotterien.

Wichtige Ergebnisse der Studie

Repräsentative Befragung der österreichischen Bevölkerung
•    42 % der österreicherischen Bevölkerung (14 bis 65 Jahre) haben innerhalb der zurückliegenden 12 Monate an Glücksspielen teilgenommen. Am häufigsten werden Lotterieprodukte erworben. Klassische Kasinospiele, Sportwetten und Glücksspielautomaten werden überdurchschnittlich häufig von Männern, der Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen, Personen mit Pflichtschulabschluss und Arbeitslosen nachgefragt.
•    Die Spielteilnahme unterscheidet sich in den einzelnen Bundesländern kaum. In Wien liegt der Anteil der AutomatenspielerInnen (außerhalb der Kasinos) jedoch bemerkenswert höher als in den anderen Landesteilen (2,8 % gegenüber 0,1 bis 1,4 %).
•    Insgesamt weisen bezogen auf das letzte Jahr 0,4 % der Befragten ein problematisches und 0,7 % ein pathologisches Spielverhalten nach DSM-IV auf (das sind insgesamt etwa 64.000 Personen). Unter den SpielerInnen betragen die entsprechenden Prävalenzen 1,0 % bzw. 1,6 %.
•    Von überdurchschnittlich hohen Problemprävalenzen sind die 18- bis 35-Jährigen, Personen mit Pflichtschulabschluss, Arbeitslose, gering Verdienende und SpielerInnen mit häufiger Spielteilnahme und hohem Geldeinsatz betroffen. Zudem weisen Personen mit Migrationshintergrund sowie Befragte, in deren Familien aktuell glücksspielbezogene Probleme bestehen, ein erhöhtes Risiko auf, selbst Spielprobleme zu entwickeln.
•    Das größte Gefährdungspotential der in Österreich angebotenen Glücksspiele besitzen die Glücksspielautomaten. Die Prävalenz problematischen und pathologischen Spielens ist bezüglich dieser Spielart mit Abstand am höchsten. Es folgen die Sportwetten und schon mit deutlichem Abstand die klassischen Kasinospiele. Die geringsten Anteile finden sich bei den Lotterien.
•    Im Rahmen der Repräsentativerhebung ist auch die Zustimmung zu einer Vielzahl möglicher Spielerschutzmaßnahmen erfragt worden. Der generellen Festsetzung des Mindestalters von 18 Jahren für die Glücksspielteilnahme stimmen neun von zehn ÖsterreicherInnen zu. Etwa zwei Drittel befürworten eine Reduzierung glücksspielbezogener Werbung sowie die Implementierung von technischen Zugangsschranken beim Onlineglücksspiel. Auf überwiegende Ablehnung stoßen hingegen ein Verbot von Jackpots sowie die zeitliche Verlegung der Ziehung der Lottozahlen in die Abendstunden.

Befragung von SpielerInnen terrestrischer Glücksspiel- und Wettangebote
•    Der höchste Anteil von pathologischen SpielerInnen (nach DSM-IV) findet sich unter den NutzerInnen des Automatenspiels in der Spielhalle (47 %), gefolgt von den SportwetterInnen (20 %), den klassischen KasinospielerInnen (17 %) und den AutomatenspielerInnen im Kasino (15 %). Ein problematisches Spielverhalten wurde für 19 % der AutomatenspielerInnen außerhalb des Kasinos, 17 % der SpielerInnen des klassischen Lebendspiels im Kasino, 15 % der AutomatenspielerInnen im Kasino und 10 % der SportwetterInnen erhoben.
•    Unabhängig von der Spielart sind die Anteile arbeitsloser SpielerInnen in den Gruppen mit pathologischem Spielverhalten immer höher als in den Gruppen der unproblematischen SpielerInnen. So geben beispielsweise 16 % der pathologischen SpielerInnen klassischer Kasinospiele an, arbeitslos zu sein; bei den unproblematischen KasinospielerInnen liegt der entsprechende Anteil bei 1 %.
•    Viele mögliche Präventionsmaßnahmen stoßen in den verschiedenen SpielerInnengruppen nur auf eine geringe Akzeptanz, wie z. B. das Verbot von Jackpots, das Verbot der Stopptaste an Spielautomaten oder die Reduzierung der Spielangebote. Hohe Zustimmung hingegen gibt es zu Maßnahmen des Jugendschutzes wie ein Mindestalter für die Spielteilnahme von 18 Jahren oder Alterskontrollen durch das Anbieterpersonal.

Befragung von OnlineglücksspielerInnen und OnlinesportwetterInnen
•    11 % der OnlinespielerInnen erfüllen ausschließlich eines der beiden Kriterien des Lie/Bet-Screens und sind demnach als zumindest gefährdet anzusehen. Von einem Spielproblem im engeren Sinne (beide Lie/Bet-Kriterien erfüllt) sind 5 % betroffen. Die Anteile bei den SportwetterInnen liegen jeweils auf einem ähnlich hohen Niveau.
•    Besonders hohe Problemprävalenzen zeigen sich bei den 18- bis 35-Jährigen, Arbeitslosen, Spieler- und WetterInnen mit hohen Geldeinsätzen, jenen mit häufigen Änderungen der selbst gesetzten Limits für Geldeinsatz und Spielzeit sowie jemals gesperrten Befragten.

Befragung des Personals der Glücksspielanbieter
•    Das Personal der Glücksspielanbieter (Lotto-Toto-Annahmestellen, Instant-Vertriebsstellen, Kasinos, WINWIN) schätzt den Kenntnisstand der Bevölkerung zu den Gefahren des Glücksspiels wie Verschuldung und Sucht als eher schlecht ein.
•    Jugendschutzbestimmungen besitzen beim befragten Personal die höchste Akzeptanz. Das gilt für ein Spielverbot für Minderjährige genauso wie für die Durchführung von Alterskontrollen. Abgelehnt werden dagegen Maßnahmen der Angebotsreduzierung, wie die Einschränkung des Spielangebots und seiner Werbung oder ein Verbot von Jackpots.
•    Die MitarbeiterInnen der Kasinos und WINWIN (elektronische Spielautomaten) schätzen den Anteil von ProblemspielerInnen in ihren Spielstätten auf 14 % bzw. 18 %. Bei den Lotto-Annahmestellen und Instant-Vertriebsstellen beträgt der entsprechende Anteil dagegen etwa 0,5 %.

Empfehlungen für die Glücksspielsucht-Prävention (Auszug)

Implementierung eines umfassenden Spielerschutzes bei den Glücksspielautomaten
1. Die Spielstruktur der Automaten ist – unabhängig von ihrer Spielstätte – so zu gestalten, dass ein Maximum an technischem Spielerschutz vorhanden ist. Im Einzelnen bedeutet dies eine lange Spieldauer, niedrige Einsatz- und Verlustlimits, Spielpausen, ein Verbot der Stopptaste sowie ein Verbot überzufällig häufiger Fast-Gewinne. Die Glücksspielautomaten sollten ferner elektronische Warnhinweise einblenden.
2. Das Aufsichtspersonal ist intensiv zu den Themen „Glücksspielsucht“, „Hilfesystem“, „Erkennen von und Umgang mit ProblemspielerInnen“ zu schulen.
3. Es sollte eine namentliche Registrierung für alle BesucherInnen von Spielstätten geben, in denen Glücksspielautomaten stehen.
4. Es ist ein miteinander vernetztes Sperrsystem für alle Spielstätten aufzubauen, in denen Glücksspielautomaten stehen.

Einheitlicher Jugendschutz
1. Es sollte ein Verbot der Teilnahme Minderjähriger an jeglichen Glücksspielen eingeführt werden. Das umfasst auch die Sportwetten.
2. Ein Verbot von Glücksspielwerbung, die sich speziell an Jugendliche richtet, ist anzustreben.
3. Es sollten strenge Alterskontrollen in allen Spielstätten – von der Lotto-Toto-Annahmenstelle bis hin zur Spielhalle – durchgeführt werden.
4. Eine systematische Glücksspielsuchtprävention ist an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen zu verankern. Diese sollte alters- und zielgruppenspezifisch ausgerichtet sein und eine Mischung aus Informationsvermittlung und Förderung von Lebenskompetenzen darstellen.

 
Sportwetten: Zuordnung zu den Glücksspielen und Implementierung eines umfassenden Spielerschutzes
1. Für die an den Sportwetten teilnehmenden Personen sollte die Möglichkeit bestehen, sich selbst für die Teilnahme am Wettbetrieb aller österreichischen Sportwettenanbieter sperren zu lassen. Auch eine Sperrmöglichkeit durch die Anbieter sollte implementiert werden. Eine Vernetzung dieser Sperrdatei mit dem Sperrsystem der Kasinos und Spielhallen wird empfohlen.
2. Es sollten Alterskontrollen zur Durchsetzung bestehender bzw. noch zu implementierender Jugendschutzregelungen eingeführt werden.
3. Die Sportwetten sollten strukturell so gestaltet werden, dass Verlustgrenzen festgesetzt und Gewinnquoten begrenzt werden.
4. Das Aufsichtspersonal in Wettbüros sollte intensiv zu den Themen „Glücksspielsucht“, „Hilfesystem“ und dem „Erkennen von und Umgang mit ProblemspielerInnen“ geschult werden.

Weitere Empfehlungen
1. Intensivierung des Spielerschutzes beim Onlineglücksspiel.
2. Bessere Aufklärung der Bevölkerung zu den Risiken des Glücksspiels.
3. Initiierung von wissenschaftlichen Pilotprojekten (z.B. zu speziellen Problemgruppen oder Früherkennungsinstrumenten).

Leitung/ Project Coordinator

Beteiligte MitarbeiterInnen/ Involved Researchers

Förderung/ Funding

Zuwendungsgeber und Initiator der Studie ist die Österreichische ARGE Suchtvorbeugung. Bei ihr liegt auch die Projektleitung (Dr. Artur Schroers). Gefördert wird die Untersuchung von den Österreichischen Lotterien.